Mit Häftlingsmütze und Marmelade

Nachricht Wallensen, 05. Mai 2013

Der Abschied von Pastor Siedersleben läutet eine neue Zeit für die evangelischen Christen in und um Wallensen ein

Wallensen. Mit der feierlichen Verabschiedung von Pastor Christoph Siedersleben ist am Sonntag eine fast 1000-jährige Ära in Wallensen zu Ende gegangen. So jedenfalls sah es Bürgermeister Karl-Heinz Grießner: Erstmals nach fast 950 Jahren werde die Pfarrerstelle in Wallensen nicht mehr besetzt. In der vollen St. Martinskirche bedankte sich Pastor Siedersleben für die gemeinsame Zeit und predigte über das Streben nach Sicherheit und die Lust auf Veränderung.

“Ich bin der neue Pastor“, antwortete Christoph Siedersleben vor knapp 20 Jahren der verdutzten Dame, die ihn nach seinem Namen fragte, nachdem er sein Auto unfreiwillig in ihrem Garten gegenüber der Kirche geparkt hatte. Jung und gerade aus Afrika angekommen, stand er vor der Aufgabe, aus acht Dörfern eine Gemeinde zu machen, erinnerte Superintendent Christian Castel die Gemeinde. Mit viel Elan und Neuerungen wie Wald- und Fahrradgottesdiensten, aber auch ritueller Genauigkeit beim Abendmahl habe er schließlich das Vertrauen der Menschen gewonnen. Einen Platz im Herzen der Küsterin Marianne Batke erwarb er sich mit seinen „bewundernswerten Predigten und den blankgeputzten Schuhen“.

Mancher Abschied ist schwer, denn, so zitiert Siedersleben den Philosophen Karl Jaspers, „Heimat ist da, wo wir verstehen und verstanden werden.“ In diesem Sinn bedankte er sich für das Miteinander bei Konfirmanden-Freizeiten und Gemeindeabenden und die Wertschätzung, die er erfahren durfte. Trotz des Schmerzes, sein lieb gewonnenes Zuhause zu verlassen, spürt Siedersleben auch „die Lust, etwas Neues auszuprobieren, die Lust an Aufbruch und Veränderung.“ Es sei dieser Zwiespalt, der unser Leben präge. Kraft und Zuversicht zieht der scheidende Pastor aus der Erkenntnis, dass „wir als wanderndes Volk in Gott verbunden bleiben.“

Im Kirchspiel Wallensen, zu dem auch die Ortschaften Fölziehausen, Ith-Weezer Bruch, Thüste, Ockensen, Levedagsen und Marienhagen gehören, hat wie anderorts das „demographische Schwert zugeschlagen“, erklärte Bürgermeister Karl-Heinz Grießner. Eine Folge ist die Aufteilung der Gemeinde. Ith-Weenzer Bruch und Marienhagen wollen sich künftig der Gemeinderegion Duingen-Brunkensen anschließen, während sich die evangelischen Christen in den anderen Orten in den Gemeindeverband Saaletal eingliedern.

Betreut werden die „Schäfchen“ nun von Pastorin Sabine Albrecht und Pastor Thomas Müller, der Siedersleben eine Kerze mit Bonhoeffers Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ schenkte und eine Häftlingsmütze – als Symbol, dass er den ihm anvertrauten Menschen auch künftig auf Augenhöhe begegnen möge. Dessen nächste Station ist nämlich die Justizvollzugsanstalt Uelzen. „Pastor Siedersleben ist der erste, der sich auf den Knast freut!“, scherzte Superintendent Christian Castel, der ihm für die geleistete gute Arbeitausdrücklich dankte und von seinen Aufgaben entpflichtete.

Christoph Siedersleben verabschiedete sich wehmütig, aber mit vollem Klang in der Martinskirche beim Lied „Großer Gott wir loben dich“. Und er nahm das Versprechen mit, jedes Jahr seine Lieblings-Orangenmarmelade aus Wallensen geschickt zu bekommen.