Die Religion – ein unterschätztes Phänomen?

Nachricht Elze, 26. Januar 2013

Vortrag von Superintendent Christian Castel beim Neujahrsempfang der Stadt Elze am 27.1.2013

Immer wieder wird in den letzten Jahrzehnten behauptet, dass wir im Postreligiösen Zeitalter – also dem Zeitalter nach den Religionen leben.
• Dank der Wissenschaften verfügen wir über so viele Erkenntnisse, dass die Religionen zur Weltdeutung und -erklärung nicht mehr nötig sind, ja manchmal sogar in die Irre führen. Die alten Schöpfungsmythen haben ausgedient. Bestenfalls religionsgeschichtlich sind sie noch von Belang.

• Themen und Fragestellungen, die bis vor kurzem noch eindeutig den Religionen zugeordnet waren: „Geburt, Sterben, Tod“, „Wo komme ich her – wo gehe ich hin?“ werden immer häufiger abseits der Religionen verhandelt.

• Bei schwierigen ethischen Entscheidungen sitzen Vertreter der Religionen zwar noch mit am Tisch (etwa bei Ethikkommissionen), das entscheidende Wort wird aber immer öfter von anderen Interessenvertretern gesprochen.

So ist nicht von der Hand zu weisen, dass (zumindest) die (etablierten) Religionen einen erkennbaren Bedeutungsverlust erlitten haben

Dem gegenüber lässt sich seit Jahren ein gewaltiger Boom des Religiösen beobachten.
• Kein Buchladen, der nicht über eine gut sortierte Esoterikabteilung verfügt, in der Sinn- und Glückssucher sich Ratschläge und Lebenshilfe holen können.
• Im Internet findet sich eine unüberschaubare Fülle religiöser und pseudoreligiöser Angebote. (Es scheint, als haben die Menschen selbst noch gar nicht bemerkt, dass sie im postreligiösen Zeitalter leben.)

• Jugoslawien, Afghanistan, Iran, Irak, Syrien, Ägypten, Nigeria, Pakistan, Mali – nennen Sie mir einen dieser Konflikte der letzten Jahre (und Jahrzehnte), in dem es nicht auch um religiöse Fragen gegangen wäre.

Gründe genug, wie ich meine, sich dieses sperrigen Themas einmal anzunehmen und unserer Gesellschaft die Gretchenfrage zu stellen: Nun sag, wie hältst du’s mit der Religion?
(Goethe: Faust I)

 

Die Macht der Religion:

Wie viel Macht Religion z.B. im politischen Raum entfalten kann, dafür vorweg zwei Beispiele:

1. Die Iranische Revolution der Ayatollahs und Mullahs:
Was jahrelanger Protest und Widerstand gegen das Schah-Regime nicht vermocht hatte, das gelang innerhalb weniger Wochen, nachdem Ayatollah Khomeini aus dem französischen Exil in den Iran zurückgekehrt war.

2. Die Rolle (vor allem) der (evangelischen) Kirche in den letzten Monaten der DDR:
Zwar hatten bekennende Christen in der DDR deutliche Nachteile zu erleiden (etwa bei Karriere, Studium, Ausbildung etc.), aber dafür wurde Ihnen einen gewisser Freiraum zugestanden, in den die Staatsorgane nur ungern und nur äußerst selten direkt eingriffen. Ohne diesen Freiraum hätte die Wende von 1989 wohl kaum in dieser Weise stattfinden können. Offenbar hat die SED-Führung unterschätzt, welche Dynamik sich in diesem Freiraum entwickeln würde. Und offenbar hatte sie eine große Scheu, diesen Bereich, systematisch zu kontrollieren und zu unterdrücken.

Worauf beruht nun diese Macht der Religion?
Während politische Macht immer auf den Bereich dieser Welt begrenzt bleibt, und dadurch in ihren Wirkungen der Nachprüfbarkeit unterliegt, greift die Religion in einen Bereich ein, der sich jeglicher Beweisbarkeit (zugleich aber auch jeglicher Widerlegung!) entzieht. Natürlich lässt sich die Existenz Gottes nicht beweisen – aber eben auch nicht widerlegen.
Der Wahrheitsgehalt religiöser Aussagen oder Behauptungen lässt sich also weder überprüfen noch objektiv beurteilen. Darin liegt sowohl ihre Schwäche, als auch ihre Stärke.
• Ihre Schwäche besteht darin, dass ich keinem Zweifler die Richtigkeit einer Glaubensaussage beweisen kann.
• Ihre Stärke besteht darin, dass sich kein Zweifler sicher sein kann. dass an einer Glaubensaussage nicht doch auch etwas Wahres dran sein könnte: Und was, wenn ich mich am Ende doch vor dem Richterstuhl Gottes verantworten müsste, wenn die Verwünschung, der Fluch, der Woodoo-Zauber doch wirksam wäre? Fragen, die nicht allein mit dem Verstand entschieden werden, sondern die ganze Person betreffen und sehr tiefe Schichten unseres Bewusstseins berühren.

Gerade weil sich die Richtigkeit einer religiösen Aussage nicht objektiv beweisen lässt, hängt alles von der Autorität oder Überzeugungskraft desjenigen ab, der sie ausspricht. Die Aussage, dass die Erde eine Kugel ist, die um die Sonne kreist, kann ich ohne jede innere Beteiligung treffen. Denn unabhängig von meiner Person ist ihr Wahrheitsgehalt überprüfbar. Wenn ich hingegen behaupte, dass beide (Erde wie Sonne) das Produkt eines göttlichen Schöpfungshandelns sind, dann treffe ich damit eine Aussage, die mit meiner persönlichen Überzeugung steht und fällt. Außer der Kraft meiner Persönlichkeit habe ich nichts, was meine Aussage stützen oder untermauern könnte.
Das ist der Grund, warum Diskussionen über religiöse Fragen oft sehr emotional und sehr persönlich geführt werden (übrigens auch von denen, die jegliche Religion ablehnen). Es fehlt die Gelassenheit desjenigen, der weiß, dass seine Aussagen auch unabhängig von seiner Person Gültigkeit behalten.

Diese intensive innere Beteiligung der ganzen Person bei Fragen der Religion ist z.B. auch bei der Integration ausländischer Mitbürger von großer Bedeutung: Jemand, der sich gerne integrieren möchte, wird ohne innere Widerstände die deutsche Sprache erlernen. Er mag es sogar als Bereicherung erleben, deutsche Kultur, Küche oder Lebensart kennen zu lernen – und partiell zu übernehmen.
Spätestens aber bei der Religion wird es schwierig; denn kein Mensch wird freiwillig seine religiösen Überzeugungen und Prägungen aufgeben. Würde man ihn dazu zwingen, dann hätte das erbitterte Widerstände zur Folge. Religiöse Überzeugungen sind so tief eingewurzelt, dass sie mit Zwang kaum zu verändern sind. Von den Zirkusarenen der römischen Cäsaren bis hin zu den Konzentrationslagern der Nazis reicht eine lange Reihe von Menschen, die lieber ihr Leben gelassen haben, als ihren Glauben aufzugeben. Hier wird deutlich, wie unsinnig eine Forderung wäre, Integration müsse den Bereich der Religion mit umfassen.
Nein, wir werden uns an eine religiöse Vielfalt (wie sie in unserem Land längst existiert) gewöhnen müssen. Sie muss auch nicht problematisch sein, solange sie in friedlicher Koexistenz geschieht. Doch wehe, wenn es zu religiösen Konflikten käme! Die Bilder von brennenden Kirchen und Moscheen aus Nigeria oder Ägypten geben uns eine Vorahnung davon, worauf wir uns dann einzustellen hätten.

Friedliche Koexistenz fällt aber nicht vom Himmel, sondern sie ist das Ergebnis eines intensiven Dialogs. Wo wird dieser Dialog geführt? Von wem soll er angeregt werden? Hat die Politik wahr- und vor allem ernst genommen, welch ein Zündstoff in der religiösen Vielfalt einer Gesellschaft schlummern kann?
Wer ist in religiösen Fragen überhaupt noch sprachfähig? Könnten Sie einem Muslim oder Buddhisten in wenigen Sätzen erklären, woran Sie glauben? Weiß es ihr Ehepartner? Wann und mit wem haben Sie zuletzt darüber geredet, woran Sie glauben? Wie soll aber ein Dialog in Gang kommen, wo Sprachlosigkeit herrscht? Wie lange wollen, wie lange können (!) wir es uns noch leisten, einen so machtvollen Bereich wie den der Religion als nebensächlich und unbedeutend abzutun?

Vom Missbrauch der Religion

Die Macht der Religion macht sie zugleich anfällig für ihren Missbrauch. Das Beispiel Iran hat gezeigt, wie gut sich die Religion für die Erreichung und Durchsetzung politischer Ziele eignet. (das gleiche ließe sich auch für die Taliban, die Hisbollah oder die Moslembrüder sagen) Derzeit scheint also vor allem der Islam in der Gefahr zu stehen, für politische Zwecke benutzt und damit missbraucht zu werden.
Aber auch im Christentum gibt es dafür genug Beispiele: Ich nenne nur die Kreuzzüge, die Bauernkriege in den 1520er Jahren, den 30-jährige Krieg, den Nordirland-Konflikt… Vordergründig ging es dabei stets um religiöse bzw. konfessionelle Konflikte. Tatsächlich aber drehte es sich vor allem um politische Macht und soziale Fragen.
Schon im frühen Mittelalter wurde in Europa die Frage der Vorherrschaft zwischen Kirche und Staat (Papsttum und Kaisertum), religiöser und politischer Macht erbittert ausgefochten. Seitdem wurde das Verhältnis zwischen Thron und Altar in jeder Epoche neu austariert. Mal war es der Thron, der die Nähe zum Altar suchte, um seinen politischen Zielen eine höhere Legitimation zu verleihen (Für Gott und Vaterland!), mal war es der Altar der die Nähe des Thrones suchte, um auf diese Weise für die Kirche staatliche Privilegien zu sichern. Oft genug ging beides Hand in Hand.

Je enger dabei die Verbindung zwischen Thron und Altar war, umso stärker hat sich das zum Schaden für beide Seiten ausgewirkt. Das gilt besonders dann, wenn politische und religiöse Führung ineinander fallen. Angefangen bei den ägyptischen Pharaonen, über die römischen Gott-Kaiser bis hin zu einem religiös überhöhten Personen- und Führerkult a’la Lenin, Stalin, Hitler, Chauchescu oder Kim Jong Il – nie ist es den Untertanen gut bekommen, wenn politische Führung den Anspruch erhoben hat, zugleich auch höchste religiöse Instanz zu sein. Vielmehr sollte sich politische Macht immer in Verantwortung sehen – vor den Menschen und (zur Sicherheit) auch vor Gott. Deswegen ist es mir so sympathisch, wenn ein Politiker bei seiner Vereidigung die Formel mitspricht: „So wahr mir Gott helfe“.

Aber genauso ist es den Religionen nie gut bekommen, wenn ihre religiösen Führer mit zuviel politischer Macht ausgestattet waren. Das gilt für die mächtigen Borgia-Päpste und Kardinal Richelieu ebenso wie für die iranische Geistlichkeit der Mullahs und Ayatollahs. Die Errichtung eines Gottesstaates, die Regierung eines Landes mit göttlichem Recht, der Aufruf zu einem heiligen Krieg, die Rekrutierung sogenannter „Gotteskrieger“ – all das sind Auswüchse und ein eklatanter Missbrauch religiöser Macht für politische Zwecke. Solche Auswüchse haben immer großen Schaden angerichtet – an der Religion und natürlich vor allem an den Menschen.
Das Jesuswort: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist, zeugt also von einer tiefen Weisheit und Erkenntnis und ist bis heute gut geeignet für die Verhältnisbestimmung zwischen staatlicher und religiöser Macht.


Die Forderung nach Abschaffung der Religion

Gerade ihre Anfälligkeit für Missbrauch und die Auswüchse religiöser Macht, führen bei vielen Menschen zu einer Ablehnung der Religion. Religion ist ihnen schlicht unheimlich, erscheint ihnen gefährlich. Und deswegen fordern sie eine religionslose Gesellschaft. Religion soll (wenn überhaupt) nur noch im privaten Bereich stattfinden. Die Abschaffung des Religionsunterrichtes an öffentlichen Schulen in Berlin, das Beschneidungsurteil von Köln oder (der jüngste Versuch) Konfirmierte unter 16 Jahren von der Teilnahme am Abendmahl fernzuhalten, weil der damit verbundene Weingenuss einen Verstoß gegen das Jugendschutz-gesetz darstellen könnte, lassen ahnen, wohin hier die Reise gehen soll.

In intellektuellen und philosophischen Kreisen wird Religiösität gerne als Zeichen von Denkfaulheit und mangelnder Bildung gewertet. Der gebildete Mensch müsse doch nur seinen gesunden Menschenverstand gebrauchen, dann erübrige sich das Phänomen der Religion ganz von alleine.
Und auch die marxistische Religionskritik, nach der Religion die Menschen mit billiger Jenseitsvertröstung ruhig stellt und davon abhält, eine Verbesserung ihrer sozialen Verhältnisse in die eigenen Hände zu nehmen (das berühmte „Opium fürs Volk“), hat nach wie vor viele Anhänger.
Entsprechend hat es in der Geschichte nicht an Versuchen gemangelt, die Ausübung von Religion staatlicherseits zu unterbinden. Das prominenteste Beispiel hierfür ist sicherlich das Vorgehen der sozialistischen Staaten des ehemaligen Ostblocks und Chinas. Betrachtet man das Ergebnis dieses Versuches aus heutiger Sicht, so lässt sich feststellen, dass in Russland die Stellung der Orthodoxen Kirche so stark ist, wie nie zuvor und die Religionen in China (allen voran das Christentum) einen rasanten Zuwachs erleben. Das lässt nur einen Schluss zu: Offenbar sind wir Menschen in unserer ganz großen Mehrheit unrettbar religiös. Dafür spricht auch ein wahrer Boom an Ersatzreligionen bzw. Religionsersatz.

Der Boom der Ersatzreligionen

Wer aus dem Bedeutungsverlust der christlichen Kirchen in Europa den Schluss zieht, dass damit zugleich die Bedeutsamkeit der Religion abnimmt, der irrt gewaltig.
Worum ging es denn bei Harry Potter oder bei Tolkiens Herrn der Ringe? Es ging um Religion – um religiöse Fragen!
Der Kampf zwischen Gut und Böse: Lord Woldemort gegen Harry Potter, Mordor gegen Mittelerde, Sauron gegen Gandalf.
Es ging um Erlösung: von der Macht des Ringes, von der Macht des dunklen Lords.
Und es ging um Opferung: Harrys Eltern haben für ihren Säugling ihr Leben hingegeben, Harry selbst ist bereit, sich im finalen Kampf gegen Woldemort zu opfern. Frodo Beutlin und seine beiden Freunde riskieren ihr Leben, um zu verhindern, dass Sauron auch den letzten Ring (und damit die absolute Herrschaft über die Erde) in die Hand bekommt.
Da gibt es Gott-Vaterfiguren wie Gandalf und Professor Dumbledore mit langen weißen Bärten, tiefer Weisheit und großer Macht, und es gibt opferwillige Sohnfiguren wie Harry und Frodo. Das alles hat viele Millionen von Lesern und Kinobesuchern angelockt und fasziniert. Eigentlich aber –vielleicht haben Sie es ja bemerkt – eigentlich ist es überhaupt nichts Neues. Es sind Variationen biblischer Themen und Motive: Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist - Christus opfert sich am Kreuz um für uns die Erlösung zu erlangen.

Achten Sie doch einmal darauf, wie viel Religion im allwöchentlichen Fußball- und Bundesligageschehen steckt. Da gibt es liturgische Farben und Gewänder, Reliquien und Rituale. Es gibt Gesangbücher, Vorsänger und festgelegte Liturgien, Starkult und Anbetung. Auf dem Rasen, da mag ja vor allem Fußball gespielt werden, auf den Rängen aber, wird oft genug Gottesdienst gefeiert.

Beobachten Sie einmal, mit wie viel Ehrfurcht und Anbetungsbereitschaft auf den großen Autosalons und Ausstellungen in Genf, Frankfurt oder Detroit die Stände der Nobelmarken belagert werden. Wie Ikonen, wie Heiligtümer werden die Chromglänzenden und Kraftstrotzenden Bolliden umrundet und bewundert, ihre technischen Daten haben Kultstatus, die Entscheidung für eine Automarke Bekenntnischarakter. Die schlichte Übergabe eines Autos (etwa in der Autostadt in Wolfsburg) wird nicht selten wie eine Messe zelebriert.

Weitere Beispiele nur noch in Andeutungen:
• Das große Feld der religiösen Überhöhung des Gesundheits-, Fitness- und Ernährungs-Begriffs. Gemessen an der Bedeutung des BMI (des Body Mass Index) haben die 10 Gebote für viele Gesundheitsapostel bestenfalls noch Empfehlungscharakter.
• Der weit verbreitete Horoskop-Glaube: Wer wüsste nicht auf Anhieb sein Sternzeichen zu benennen – ganz im Gegensatz etwa zu einem für ihn bedeutsamen Bibelwort?
• Das ganze weite Feld des Aberglaubens und des Okkultismus mit Amuletten, Erdstrahlen, Pendeln, Tischrücken usw. usw. …

Ich denke, was ich zeigen wollte, ist hinreichend deutlich geworden: Eine religionslose Gesellschaft, der Mensch als nicht religiöses Wesen ist Unfug, ist eine Illusion. Wer das behauptet oder fordert, beweist nur, dass er keine Ahnung von der Natur des Menschen hat. Und wer vorgibt, an nichts zu glauben und a-religiös zu sein, der macht sich selbst etwas vor.
Ob man möchte oder nicht: man kann dem Phänomen der Religion nicht ausweichen, sich der eigenen Religiösität nicht entziehen. Und weil das so ist – und damit komme ich zum Punkt – darum ist es nötig, sich mit dem Thema der Religion auseinanderzusetzen.

Über die Notwendigkeit religiöser Bildung

Wo lernen unsere Kinder heute noch, den Umgang mit diesem wichtigen Phänomen? Wo bekommen sie das Rüstzeug, zu erkennen, wann sie es mit Religion zu tun haben und wann nicht? Wie sollen sie unterscheiden lernen, was ein seriöses religiöses Angebot ist, und wo sie Scharlatanen oder (noch schlimmer) fundamentalistischen Fanatikern auf den Leim gehen? Woran sollen sie merken, ob es wirklich um Religion geht oder ob die Religion nur das Vehikel ist, um Einfluss auf ihrer Persönlichkeit zu gewinnen und sie in seelische Anhängigkeit zu bringen. Der sicherste Schutz, damit Kinder und junge Menschen nicht unter den Einfluss von Sektenführern, Scientologen, Islamisten oder christlichen Fundamentalisten geraten, ist eine solide religiöse Bildung.
Wie oft habe ich von Eltern diesen Satz gehört: Wir wollen unser Kind nicht beeinflussen. Es soll sich wenn es alt genug ist, selbst entscheiden können. Ach ja, wie aufgeklärt und edel! Solche Eltern sollten sich einmal anschauen, welchen Versuchen religiöser Einflussnahme ihre Kinder (z.B. im Internet) tagtäglich ausgesetzt sind. Da sind ganz andere Kräfte am Werk, Kräfte, die keinerlei Skrupel kennen, diese Kinder in ihrem Sinne und für ihre Zwecke zu beeinflussen. Und was eben noch so edel und aufgeklärt klang, erweist sich in Wahrheit als ein Stück seelischer Vernachlässigung von Schutzbefohlenen. Eltern, die versäumen, ihren Kindern hier das nötige Rüstzeug mitzugeben, liefern sie schutzlos den Machenschaften derer aus, die die religiöse Empfänglichkeit des Menschen gezielt für ihre Zwecke benutzen.
Das Elternhaus ist im Prozess der religiösen Bildung nach wie vor eine der wichtigsten Stationen. Doch wie viel Unsicherheit herrscht dort häufig!?

Durch das erfolgreiche Abdrängen der Religion in den Privatbereich ist es nunmehr Privatangelegenheit geworden, sich seine religiöse Überzeugung zusammenzubasteln – die Geburtsstunde der sogenannten Patchwork –Religionen: Man nehme ein bisschen Humanismus, mische etwas Engelsglauben darunter, füge ein wenig Jesus-Frömmigkeit hinzu, würze mit einem kräftigen Schuss fernöstlicher Vorstellungen von Wiedergeburt und Seelenwanderung und schmecke das Ganze zum Schluss mit einigen praktischen Fasten- und Meditationsübungen ab. Fertig ist der ganz persönliche Glaubenscocktail – garantiert einmalig und ganz individuell. Genau! Und deswegen für andere kaum genießbar. Die Scheu, über den Glauben zu reden, ihn an seine Kinder weiterzugeben, hat sehr viel mit der eigenen Unsicherheit zu tun: Habe ich mir die richtigen Bausteine für mein Glaubensgebäude herausgesucht? Habe ich das Recht, diesen individuellen Cocktail meinen Kindern als Orientierungshilfe anzubieten?

Nun könnte man die Hoffnung haben, was im Elternhaus versäumt wurde, das lässt sich im Kindergarten und in der Schule schon noch geradebiegen. Ohne Zweifel gibt es Kindergärten, in denen eine hervorragende religionspädago-gische Arbeit geleistet wird. Aber längst greift die Forderung nach religiöser und weltanschaulicher Neutralität aus dem schulischen Bereich auch auf den Kindergarten über. So wurde im vergangenen Jahr den Erzieherinnen eines kommunalen Kindergartens in Hessisch Oldendorf untersagt, den Kindern regelmäßig biblische Geschichten vorzulesen. Ich finde es bezeichnend, dass man den Weg des Verbots gewählt hat, um die geforderte Neutralität und Religionsfreiheit zu gewährleisten. Man hätte ja auch den anderen Weg gehen können, und neben biblischen Geschichten, Geschichten aus dem Islam und den anderen Religionen erzählen können. Dann wäre man immer noch neutral geblieben, hätte aber trotzdem einen Beitrag zur religiösen Bildung der Kinder geleistet.

Bleibt der schulische Religionsunterricht: Immer wieder muss ich bei Visitationen feststellen, dass es mit der Unterrichtsversorgung im Fach Religion nicht zum Besten steht. Im Zweifel bekommen bei der Anforderung von Lehrkräften andere Fächer den Vorrang, die als wichtiger angesehen werden und auf deren Erteilung die Eltern größeren Wert legen. Daran wird sich wohl solange nichts ändern, solange dem Phänomen der Religion in dieser Gesellschaft keine höhere Bedeutung beigemessen wird. Von daher rechne ich derzeit eher damit, dass das Berliner Beispiel noch an anderen Stellen Schule machen könnte. Ich frage mich nur, was geschehen muss, damit hier ein Umdenken beginnt. Muss es tatsächlich erst zu religiös motivierten Unruhen kommen, bevor man begreift von welcher Brisanz es sein kann, in einer multireligiösen Gesellschaft das Phänomen der Religion so sehr zu vernachlässigen und zu unterschätzen? Wann soll mit dem interreligiösen Dialog begonnen werden und vor allem: wer soll ihn führen?

Wie kann es weitergehen?

Ich denke, dass hier den etablierten Religionsgemeinschaften – also den beiden großen christlichen Kirchen – trotz des Vertrauens- und Akzeptanzverlustes der letzten Jahre auch in Zukunft eine wesentliche Rolle zukommt.
Lassen Sie mich zu diesem schmerzhaften Thema einige Sätze sagen: Natürlich hat die Kirche durch ihr Veralten zu diesem Vertrauensverlust maßgeblich selbst beigetragen - und tut es leider aktuell noch immer. Auch bei mir lösen die Vorkommnisse an den Kölner Krankenhäusern und die jüngste Entwicklung bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen Kopfschütteln und Verärgerung aus.
Nun ist nicht zu übersehen, dass sich ein großer Teil der kritisierten Verhältnisse und Vorkommnisse auf den Bereich der katholischen Kirche bezieht. Als „Evangele“ könnte ich von daher auf den Gedanken kommen, mich nun entspannt zurückzulehnen oder (noch schlimmer) versuchen, daraus Kapital für den eigenen Bereich zu schlagen. Etwa nach dem Motto: „Schaut her, wir sind die bessere Alternative!“ Das wäre nicht nur unchristliches Verhalten (ich erinnere an das Jesuswort vom Splitter im Auge des Bruders und dem Balken im eigenen Auge), es wäre auch in hohem Maße dumm. Denn bei aller Bedeutsamkeit, die die Unterschiede zwischen unseren Kirchen für uns selbst noch immer haben mögen, der weit überwiegende Teil (gerade) der (kirchenfernen) Bevölkerung differenziert hier schon lange nicht mehr: „Kirche ist Kirche. Da sind doch alle aus dem gleichen Holz.“ Darum würde jeder Versuch, sich zu Lasten des jeweils anderen profilieren zu wollen, ins Leere laufen. Wann immer eine der beiden großen Kirchen durch ihr Verhalten dazu beiträgt, dass die Distanz der Menschen zur Kirche wächst, betrifft das die andere Kirche in gleicher Weise mit. Hier gilt das Prinzip „mit gefangen – mit gehangen“. Und weil das so ist, habe ich den sehnlichen Wunsch, dass die katholische Kirche bald die Kraft finden möge, Reformen (vor allem in manchen Positionen der Moraltheologie so wie im Hinblick auf die Rolle der Frau in der Kirche) in Angriff zu nehmen. In diesem Wunsch weiß ich mich mit vielen katholischen Schwestern und Brüdern verbunden. Es darf nicht sein, dass wir durch unser eigenes Verhalten maßgeblich dazu beitragen, dass die Menschen der Kirche den Rücken kehren, und wir den Kritikern und Spöttern immer neue Anlässe bieten, genüsslich ihre Häme auszuschütten und damit nicht nur das Personal sondern leider auch unsere Botschaft zu diskreditieren. Damit spielen wir jenen in die Hände, die von einer religionslosen Gesellschaft träumen.

Eine Gesellschaft, in der die Religion keine Rollen mehr spielt – so sehr manche sich das auch wünschen mögen – ist nach meiner festen Überzeugung eine Illusion, weil sie dem Wesen des Menschen nicht entspricht. Dazu habe ich ausführlich Stellung bezogen. Es geht also nicht um die Frage, ob Religion in Zukunft noch eine Rolle spielen wird oder nicht, sondern es geht darum, wie diese Rolle gestaltet werden soll. Braucht diese Gesellschaft dazu noch die etablierten Kirchen, oder sollte man den Trend, zur Privatisierung der Religion weiter fortsetzen? Die derzeitige Entwicklung geht jedenfalls klar in diese Richtung. Die Kirchen in unserem Land befinden sich längst in einem Rückbauprozess:
• Die Mitgliederzahlen gehen (vor allem aufgrund der Demographie) deutlich zurück,
• die Finanzkraft sinkt seit Jahren kontinuierlich (auch wenn dies momentan durch aktuell gute Steuereinnahmen überdeckt wird),
• in der Folge wird seit Jahren Personal abgebaut,
• Kirchen werden geschlossen, veräußert oder abgerissen,
• der gesellschaftliche Einfluss der Kirchen schwindet,
• kirchliche Sonderwege (eigene Rechtsprechung, eigenes Tarifrecht) werden massiv in Frage gestellt.

Die Menschen sind zwar weiterhin religiös, suchen Rat, Trost und Seelsorge, tun das aber immer seltener im Bereich der Kirchen. Wenn dieser Trend anhält und weiter zunimmt, werden die Kirchen irgendwann ihre prägende Kraft im Bereich der Religion verlieren. Das Evangelium wird dann sicher auch andere Wege in die Herzen der Menschen finden, darüber mache ich mir keine Sorgen. Aber wenn diese Gesellschaft Abschied nimmt von der Kirche als prägender religiöser Instanz, dann sollte das nicht „aus Versehen“ passieren.

Ich komme zum Werbeblock:
Ich glaube, vielen ist gar nicht bewusst, was für eine enorme Errungenschaft es ist, mit der Kirche über eine religiöse Organisation zu verfügen, die durch das Feuer der Aufklärung gegangen ist, die ihr Verhältnis zur staatlichen Gewalt über Jahrhunderte geklärt (und schließlich vertraglich geregelt) hat, die ihre Geistlichkeit an staatlich kontrollierten Universitäten ausbilden lässt, die die Lehrinhalte für den Religionsunterricht durch staatlichen Stellen festgelegen lässt.
Um es klar zu sagen: Ein christlicher Hassprediger wie Pastor Terry Jones, der in den USA öffentlich zu Koranverbrennungen auffordert, wäre in unserem deutschen landeskirchlichen System völlig undenkbar. Und auch dass Kinderseelen systematisch mit religiös begründetem Hass vergiftet werden (wie in manchen Koranschulen), ist in unseren kirchlichen Bildungseinrichtungen absolut unvorstellbar.
Zudem haben wir mit den Kirchen eine Instanz, denen in allen Fragen der Religion noch immer hohe Kompetenz und breite Akzeptanz zugestanden wird. Dass es oft schwierig ist, den Dialog mit Vertretern des Islam am Laufen zu halten, hat auch damit zu tun, dass auf muslimischer Seite nicht abschließend geklärt ist, wer denn nun im Namen aller Muslime in unserem Land sprechen darf. All das ist auf unserer Seite geklärt und all das ist ein hohes Gut, das man nicht leichtfertig aufgeben sollte.

Ich denke, es ist an der Zeit, dass wir uns als Gesellschaft mit der Gretchenfrage beschäftigen: Nun sag, wie hältst du’s mit der Religion?
Derzeit ist das Bild jedenfalls reichlich verwirrend und indifferent:
Einerseits soll die Kirche nach schockierenden Ereignissen (ich erinnere an den 11. September, die Amokläufe von Erfurt und Winnenden oder die Katastrophe von Eschede) ein stabilisierendes Auffangbecken für verstörte Seelen bieten, andererseits wird sie für jede Fehlleistung öffentlich abgewatscht und in nahezu jeder Kabarett- und Comedy- Sendung unter Beifall und Gejohle genussvoll durch den Kakao gezogen.
Einerseits soll sie ein Garant für stabile Werte sein, andererseits wird sie als rückständig und weltfremd beschimpft wenn sie diese Funktion wahrnimmt und dadurch (etwa im medizinethischen Bereich) Forschungs- und Investitions-interessen der Pharmaindustrie stört.

Noch ist der Fortgang der Entwicklung offen. Sollte am Ende die weitere Existenz der etablierten religiösen Organisationen (also der Kirchen) für überholt und überflüssig gehalten werden, dann werden wir erleben, wie sich der Bereich der Religion in unzählige Glaubensrichtungen, Gruppierungen und Sekten zersplittert, Pseudo- und Ersatzreligionen weiter zunehmen, und es angesichts dieser Vielfalt unmöglich sein wird, noch irgendeinen religiösen Dialog zu führen. Fundamentalismus und Fanatismus wären Tür und Tor geöffnet, Religion würde zum gesellschaftlichen Spaltpilz par excellence.

Die Alternative wäre, dass man endlich damit beginnt, die eminente Bedeutung der Religion und ihre Auswirkungen auf das menschliche Zusammenleben wahr und ernst zu nehmen, und den gesellschaftlichen Wert der etablierten (und in geschichtlichen Prozessen geläuterten) Religionsgemeinschaften – sprich: der Kirchen – wieder zu erkennen. Dann müsste man aber auch eine Diskussion darüber eröffnen, was diese wichtige Funktion dieser Gesellschaft in Zukunft wert sein soll.

Dass Sie mich heute zu diesem Vortrag eingeladen haben und mir damit die Gelegenheit gegeben, dieses Thema vor ihren Ohren auszubreiten, halte ich für ein gutes Signal, für das ich mich herzlich bedanke. Ich hoffe, damit vielleicht die eine oder andere Nachdenklichkeit bei Ihnen angestoßen zu haben.

Für alles was sie im Jahr 2013 vor haben, wünsche ich Ihnen gutes Gelingen und Gottes Geleit und Segen.