Aus dem großen Topf schmeckt das Essen sowieso am besten

Nachricht Alfeld, 28. Juli 2015

Gasteltern aus Alfeld und Umgebung begrüßen Kinder aus Gomel

Alfeld. Es sind Sommerferien, aber trotzdem herrscht in der Halle der Schulrat-Habermalz-Schule ein Getümmel wie in der großen Pause. Gerade ist ein Bus mit 29 Gästen aus Gomel in Weißrussland angekommen; 27 Kinder und zwei Erwachsene. Die Mädchen und Jungen zwischen acht und 15 Jahren sollen vier Wochen lang in Alfeld und Umgebung ereignisreiche, schöne Ferien verleben und sich dabei von der Strahlenbelastung erholen, die in ihrer Heimat noch immer den Menschen zusetzt. Seit dem Jahr der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 lädt der evangelisch-lutherische Kirchenkreis Hildesheimer Land - Alfeld Kinder aus der Region ein.

Die Ankunft des Fluges in Hannover hat sich verspätet, in der Schule warten die Gasteltern auf ihre Schützlinge. Viele der Gastgeber-Familien nehmen zum ersten Mal Kinder aus Gomel auf, die sie bisher nur von Fotos und vielleicht einem Brief kennen. Einige der Mädchen und Jungen sprechen zwar ein paar Worte Deutsch, die meisten Familien werden sich aber mit Händen und Füßen verständigen müssen oder die bereitgestellten Zettel mit gängigen Redewendungen zu Rate ziehen. Eine Dolmetscherin ist kurz vor der Reise krank geworden, die Gäste bringen also nur eine Übersetzerin mit, um im Notfall bei der Verständigung zu helfen.

Ilona Grzygorek macht sich deshalb keine Sorgen. Sie und ihr Mann erwarten zwei Mädchen, beide elf Jahre alt, beide mit dem Namen Darya. Nach dem Auszug der eigenen erwachsenen Kinder hätten sie genug Platz, meint Ilona Grzygorek, die frei gewordenen Räume seien frisch renoviert: „Ich hoffe, die Kinder fühlen sich wohl.“ Da die neunjährige Enkelin bei den Großeltern lebt und auch die anderen Enkelkinder gern zu Besuch kommen, wird es an Spielkameraden jedenfalls nicht fehlen. Und Schwiegertochter Jessica Grzygorek freut sich schon darauf, für alle zu kochen: „Aus dem großen Topf schmeckt es doch viel besser.“

Über Sprachbarrieren braucht sich die Familie Mai nicht zu sorgen, denn Elena und Alexander Mai stammen aus Russland und können Gasttochter Julia in ihrer Muttersprache begrüßen. Ihre eigenen Kinder Jana und Dennis sind schon ganz gespannt auf die Schwester auf Zeit. Die anderen Familien nehmen jeweils wenigsten zwei Kinder auf, damit jedes eine Freundin oder einen Freund zum Reden hat.

Die Organisatoren haben ein gut gefülltes Ferienprogramm vorbereitet. Eine Woche werden alle Kinder zusammen in Ferienhäusern am Bernsteinsee bei Gifhorn verbringen, außerdem sind Ausflüge in den Zoo Hannover, ins Rasti-Land, in die Autostadt und in den Harz geplant. Für die Anreise bezahlt die Landeskirche Hannover, für Unterkunft und Verpflegung kommen die Gasteltern selbst auf, das Ausflugsprogramm dagegen wird aus Spenden finanziert.

Aber auch sonst wird es in den nächsten vier Wochen zum Beispiel bei Familie Schlegel/Ronge sicher nicht langweilig, wenn zu den eigenen vier Kindern zwischen acht und 17 Jahren nun noch Alina und Daya dazukommen. „Bei uns ist sowieso immer Alarm“, lacht Melanie Ronge, „da kommt es auf zwei mehr nicht mehr an.“ Als ihre eigenen Kinder klein waren, schreckte sie vor der zusätzlichen Verantwortung noch zurück: „Aber jetzt ist ein guter Zeitpunkt.“ Die Familie will mit der ganzen Kinderschar auch eine Woche an die Ostsee fahren.

Als die Gastkinder endlich aus dem Bus quellen, rennen einige gleich auf ihre Gasteltern zu: Sie sind schon das zweite Mal dabei und wissen, wo sie hingehören. Andere schauen sich noch etwas unsicher um, doch weil zuvor Fotos ausgetauscht wurden, finden sich alle schnell zusammen. Bernd Beutler, zusammen mit Frank Lorenzen Hauptorganisator des Besuches, hat die Situation sofort im Griff. Mit lauter Stimme sorgt er dafür, dass alle ihr Gepäck mitnehmen und sich zum Begrüßungsfoto aufstellen.

In der Pausenhalle, beim bereitgestellten Imbiss, ist das Eis schnell gebrochen. Bald schon kramen die Mädchen und Jungen neugierig in den Geschenketüten, die Waltraud Bartels und Jutta Thomas von Deutschen Roten Kreuz, Ortsverein Alfeld, verteilt haben. Neben nützlichen Dingen wie Handtuch und Zahnputzzeug gibt es auch für jedes Kind ein Portemonnaie mit 20 Euro Taschengeld. Pastor Christian Diederichs begrüßt die Kinder im Namen des Kirchenkreises Hildesheimer Land – Alfeld und der Alfelder Kirchengemeinde St. Nicolai und freut sich, ihnen allen ein zusätzliches Taschengeld von 50 Euro auszahlen zu können.

Mit großer Begeisterung durchstöbern vor allem die Mädchen den Tisch mit gebrauchter Kleidung. Viele kommen mit wenig Gepäck an, erzählt Monika Lorenzen. „Wir achten darauf, dass die Gäste aus kinderreichen und sozial schwachen Familien kommen“, betont Bernd Beutler. Wohlhabendere Familien könnten sich ja selbst einen Urlaub leisten. Er sei schon mehrfach in Gomel zu Besuch gewesen, habe gute Kontakte zur dortigen Schule. Er und seine Frau Bärbel werden wieder drei Kinder aufnehmen. Es sei immer eine Freude zu sehen, wie erholt die jungen Gäste nach ihrem Aufenthalt wirkten, sagt Bernd Beutler: „Solange der Herrgott mir Kraft gibt, werde ich die Tschernobyl-Hilfe weiter machen.“ Wiebke Barth

Bilder:

Gerade sind die Kinder aus Gomel mit dem Bus an der Schulrat-Habermalz-Schule angekommen. Zusammen mit ihren Gasteltern stellen sie sich zum Begrüßungsfoto auf. Fotos: barth

Dieter Schlegel und Melanie Ronge nehmen zum ersten Mal Gastkinder aus Gomel auf. Alina und Daya (von links) werden für vier Wochen die eigene Kinderschar vergrößern. Feline und Jakob sind zum Abholen mitgekommen.

Alle mal in einer Reihe aufstellen: Waltraud Bartels verteilt Geschenketüten vom Roten Kreuz.

Erste Begegnung am Bus: Die elfjährigen Mädchen, die beide Darya heißen, lernen ihre Gasteltern Karl und Ilona Grzygorek kennen.