Heersum - In einem festlichen Gottesdienst in der Kirche zu Heersum hat Ministerpräsident Olaf Lies die diesjährige Heersumer Kanzelrede gehalten. Die Gestaltung übernahm Pastorin Judith Montowski, musikalisch begleitet vom gemischten Chor Heersum, dem Bläserchor Heinde mit Organist Hans-Henning Bleckmann. Küsterin Manuela Grotjahn und der Kirchenvorstand unterstützten die Veranstaltung.
Mit einer augenzwinkernden Liedzeile – angelehnt an „Wie schön ist die Welt“ – begrüßte der Chor die Gemeinde: „Willkommen in Heersum, willkommen im Glück und kommst du nach Heersum willst du nie mehr zurück.“ Pastorin Montowski lachte: „Ich kann das bestätigen.“
Ministerpräsident Lies war an diesem Sonntag eigens aus Wilhelmshaven angereist. Die Heersumer Kirche erinnere ihn an seine Heimatkirche in Neustadtgödens (Friesland), sagte er zu Beginn. Kirche sei ein besonderer Raum. Zwar seien Staat und Kirche getrennt, und die Neutralität des Staates sei gut und richtig – dennoch gebe es viele verbindende Anliegen: das gemeinsame Bemühen, Menschen zu erreichen und Orientierung zu geben.
Angesichts weltweiter Krisen, von der Ukraine über Gaza bis jüngst zum Iran, sprach Lies von einer angespannten Zeit, in der viele Menschen Verunsicherung und Bedrohung empfänden. Steigende Kosten im Gesundheitswesen, Fragen der Pflege, Inflation und sogar die Zunahme von Depressionen bei jungen Menschen bewegten die Gesellschaft. Umso wichtiger sei es, sich der Resignation entgegenzustellen und Populisten mit ihren vermeintlich einfachen Antworten nicht das Feld zu überlassen.
Glaube könne verbinden, betonte Lies. Kirche gehöre zu den großen Wertegemeinschaften und müsse sich einmischen – mit Nächstenliebe und Verantwortung. „Ich erwarte, dass sich Kirche einmischt“, sagte er deutlich. Kirche beziehe außerdem klar Stellung gegen Hass und Hetze. Das sei vorbildlich. Besonders würdigte er die Fastenaktion „7 Wochen ohne“ und das erweiterte Motto „7 Wochen ohne Härte“. In Anlehnung an das Chanson „Ermutigung“ von Wolf Biermann zitierte er: „Du lass dich nicht verhärten.“ Gerade in harten Zeiten dürfe man selbst nicht hart werden, so Lies.
Kritisch äußerte sich Lies zur Rolle von Algorithmen großer Techkonzerne bei der Verbreitung von Hass. Information und Gemeinschaft müssten geschützt werden. Niedersachsen sei stark im Ehrenamt, jeder dritte Niedersachse engagiere sich freiwillig, beispielsweise in Sportvereinen, Feuerwehren oder Kirchengemeinden. „Was wäre unsere Gesellschaft ohne Ehrenamt?“
Kirchen schafften ihrerseits Orte der Begegnung und stärkten den demokratischen Zusammenhalt. Der Staat müsse religiös neutral sein, dürfe aber nicht areligiös oder gar antireligiös handeln. Abschließend rief Lies zu Herz, Mut und Menschlichkeit auf. Kraft, Hoffnung und Gemeinschaft seien entscheidend für eine starke Demokratie. Als Dank für seinen Besuch erhielt Lies von Kirchenvorstandsmitglied Mathias Klein eine Erinnerung an Heersum: die letzte Tasche, die anlässlich des 1000-jährigen Ortsjubiläums angefertigt worden war. Schließlich nahm der Ministerpräsident noch am Empfang der Kirchengemeinde teil und sprach mit interessierten Gästen.
Thomas Schlenz