Claas Cordemann als neuer Regionalbischof eingeführt

Nachricht Hildesheim/Göttingen, 12. Mai 2026

Predigt zwischen Krisendiagnose und Hoffnung: „Die Welt braucht Menschen des Friedens“

Hildesheim, Göttingen - Hannovers Landesbischof Ralf Meister hat den Theologen Claas Cordemann in das Amt des Regionalbischofs für den Sprengel Hildesheim-Göttingen eingeführt. Bei dem Festgottesdienst am Sonntag in der vollbesetzten Hildesheimer Michaeliskirche rief Cordemann angesichts von Kriegen, gesellschaftlicher Polarisierung und wachsender Erschöpfung zu mehr Menschlichkeit, Hoffnung und geistlicher Aufmerksamkeit auf. „Ich glaube, die Welt braucht uns als Menschen des Friedens – solche, die ein hörendes Herz haben“, sagte der neue Regionalbischof. Menschen müssten tiefer sehen als das, „was vor Augen ist“, und aus der Liebe Gottes leben.

Der 54-Jährige spannte in seiner Predigt einen Bogen von den gegenwärtigen „Stapelkrisen“ bis zu Grundfragen des Glaubens. Zu Beginn erinnerte er an Schlagzeilen über Kriege, Extremwetter, soziale Spannungen und politische Gewalt. „Krise legt sich über Krise. Hiobsbotschaft über Hiobsbotschaft“, sagte Cordemann. Viele Menschen seien erschöpft und verunsichert. „Da kommt man gar nicht mehr hinterher. Gedanklich nicht. Emotional nicht.“

Dagegen setzte der promovierte Theologe die Bedeutung von Gebet, Stille und Zuhören. „Beten ist Hören. Nicht der nächste Post. Nicht das nächste Reel. Nicht auf der Empörungswelle mitschwimmen“, sagte Cordemann. Sein Eindruck sei, dass die Gesellschaft „das genaue Zuhören verlernt“ habe. Gebet sei „eine Schule der Stille und eine Schule des Hörens“.

Cordemann beschrieb den Glauben als eine andere Weise, auf die Welt zu schauen. Er verglich dies mit dem Spiel „Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst“. Eindrücklich schilderte er seine Betrachtung von Caspar David Friedrichs Gemälde „Der Mönch am Meer“ im Metropolitan Museum of Art in New York. Während andere darin nur „fog and water“ sähen, eröffne der Glaube eine tiefere Dimension des Lebens. „Wir sehen einen weiten Horizont und einen offenen ewigen Himmel“, sagte Cordemann. Gerade in Krisenzeiten brauche die Welt Menschen, die mehr wahrnähmen als das unmittelbar Sichtbare.

Auch die Liebe Gottes stellte Cordemann in den Mittelpunkt seiner Predigt. Wo Liebe fehle, wüchsen Misstrauen und Hass, sagte er mit Blick auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen. „Macht ohne Liebe verliert jedes Maß.“ Liebe achte „die Grenzen und die Würde des Nächsten – immer“. Der christliche Glaube halte daran fest, dass Hass und Niedertracht nicht das letzte Wort behielten.

Landesbischof Meister würdigte Cordemann als Theologen mit geistlicher Tiefe und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit. Der neue Regionalbischof verbinde „die Liebe zu den Menschen“ mit der „Lust, systematisch-theologisch zu denken“, sagte Meister. Er erinnerte an Cordemanns berufliche Stationen als Gemeindepastor, theologischer Referent und Leiter der Fortbildung in den ersten Amtsjahren der hannoverschen Landeskirche.

Zugleich schlug Meister persönliche Töne an und erinnerte an Cordemanns Leidenschaft für Basketball. Mit einem Zitat des früheren NBA-Spielers Shaquille O’Neal sorgte Meister für Heiterkeit: „Dass ich an der Freiwurflinie nur 40 Prozent treffe, ist einfach Gottes Art zu sagen, dass niemand perfekt ist.“ Kirche lebe nicht aus Fehlerlosigkeit, sondern aus Vertrauen und immer neuen Anfängen, sagte Meister.

Gäste aus Kirche, Politik und Ökumene

Zu den Gästen gehörten zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter aus Kirche, Politik und Ökumene. Die braunschweigische Landesbischöfin Christina-Maria Bammel nahm ebenso teil wie der Hildesheimer Weihbischof Martin Marahrens sowie weitere leitende Geistliche der hannoverschen Landeskirche. Marahrens hob das Verbindende der Konfessionen hervor und überreichte Cordemann ein Buch über das Taufbecken des Hildesheimer Doms. Mit einem Augenzwinkern schenkte er ihm zudem eine Flasche Limoncello mit dem Etikett „Heiliger Geist“.

Hildesheims Oberbürgermeister Ingo Meyer würdigte die Bedeutung der Kirchen für das gesellschaftliche Leben in der Stadt. Für die Superintendentinnen und Superintendenten des Sprengels überreichte die Northeimer Superintendentin Stephanie von Lingen Spezialitäten aus allen acht Kirchenkreisen.

Cordemann folgt auf Regionalbischöfin Adelheid Ruck-Schröder, die inzwischen Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen ist. Zum Sprengel Hildesheim-Göttingen gehören rund 400.000 evangelische Christinnen und Christen in mehr als 300 Kirchengemeinden.

Gunnar Müller (mit epd)