Alfeld – Die Kinderpastorenpuppe hält er noch einmal in der Hand. Auf dem Fußboden stehen Kisten mit Büchern. Nach und nach leert Pastor Bernd Rüter die Regale im Pfarrhaus im Alfelder Eichenkamp, sortiert, hält inne, schmunzelt. „Ich nehme mein ganzes Leben nochmal in die Hand“, sagt der 66-Jährige. Vieles, was sich in mehr als einem Vierteljahrhundert Dienst im Kirchenkreis Hildesheimer Land-Alfeld angesammelt hat, wird sorgfältig verpackt. Am Sonntag, 4. Oktober, wird Rüter um 15 Uhr in einem Festgottesdienst in St. Nicolai von Superintendent André Dittmann in den Ruhestand verabschiedet.
Hinter Rüter steht ein Buch mit dem Titel „Musik im Gottesdienst“. Ein passendes Sinnbild für einen Pastor, den Musik sein Leben lang begleitet hat. Vor allem der Blues hat es ihm angetan: Als junger Theologiestudent in den „wilden 80er-Jahren“ in Göttingen tauchte der gebürtige Lehrter in die Blues- und Jazzszene ein. Er spielte in Bands, besuchte Workshops und war Teil der Dynamo-Bigband. Es folgten Musicals, viele Kirchentage sowie unzählige Lyrik- und Jazzprojekte. Gitarre und Cajón gehören bis heute zu seinen Instrumenten. Im Kirchenkreis war Rüter Beauftragter für Popularmusik.
Seine musikalischen Fähigkeiten spielten ihm auch als Pastor in die Hände: Durch sie erreichte er die Herzen der Menschen und konnte besondere Gottesdienste entwickeln, wie den „Blues“- und Bettag. Sein musikalisches Talent gab Rüter an seine Familie weiter: Sohn Hauke, der Musik mit Nebenfach Jazz studiert hat, spielt Trompete, Ole Schlagzeug. Beide Brüder waren Teil von Windmachine, dem niedersächsischen Jugendjazzorchester, Tochter Janne spielt Blockflöte und Klavier, singt und tanzt.
Mit der Verabschiedung in St. Nicolai schließt sich für Rüter der berufliche Kreis: Seit 2021 lebte er mit seiner Frau, Springerpastorin Andrea Haase, die einen Tag vor ihm aus ihrem Dienst im Kirchenkreis verabschiedet wird, im Eichenkamp. Anfangs wohnte auch die Tochter noch mit im Pfarrhaus. In Alfeld arbeitete der musikalische Pastor an neuen Ideen: Gemeinsam mit den Kolleg*innen der Region entwickelte er ein zweijähriges Konfirmandenmodell, war gerne in Kindergärten und Schulen und erinnert sich zurück an besondere Gottesdienste. Dazu zählten die Einführung der Osternacht, ein Dunkelgottesdienst mit Andreas Chrzanowski von der Hildesheimer Blindenmission, Open-Air-Gottesdienst in Röllinghausen oder ein musikalischer Gottesdienst am Ewigkeitssonntag.
Mit den Kirchenvorständen von St. Nicolai und der umliegenden Kirchengemeinden brachte Rüter die Gesamtkirchengemeinde auf den Weg, die zum 1. Januar 2027 umgesetzt werden soll. „Die Zusammenarbeit in Alfeld war immer hervorragend. Ich habe gespürt, dass sich die Menschen hier auf Veränderungen einlassen und die Zukunft gestalten möchten. Es gibt viel Potenzial. Ich bin optimistisch, dass Kirche in guter Form weiterleben wird“, betont er.
Eine andere Seite des Lebens lernte Pastor Rüter nach dem Studium kennen: Weil es kaum Stellen für Pastoren gab, musste er jobben: „Flachfilterstanzer bei Sartorius“, erinnert sich Rüter und lacht. Nach dem Vikariat in Hedemünden und Oberode unterrichtete er Religion an zwei berufsbildenden Schulen in Hildesheim. Ganz lebensnah arbeitete er am Projekt „Knastkontakt“ mit. Einmal im Monat ging es mit den Schüler:innen in die Justizvollzugsanstalt, um junge Menschen mit dem Leben vertraut zu machen.
In Burgstemmen wurde die Familie ab 2000 über zwanzig Jahre lang heimisch. Weil er die Stelle mit seiner Frau teilte, konnte sie überhaupt in den Dienst kommen. Jahrelang arbeiteten beide als Team. „Good cop und bad cop – wir haben uns immer super ergänzt, weil wir so unterschiedlich sind“, sagt Rüter augenzwinkernd. „Wir gingen auf Dorffeste und zu Flohmärkten, Freundschaften wurden geschlossen, die bis heute halten.“ In der Dreikirchengemeinde entwickelte er die Reihe „Zwischen Torte und Tatort“. Sie ging hervor aus dem Gottesdienstprojekt der Landeskirche „Brannte nicht unser Herz“ (2006). Dreimal im Jahr im Team mit Ehrenamtlichen wurden thematische Gottesdienste mit Bandmusik und anschließendem Abendimbiss und Begegnungsmöglichkeit entwickelt.
Wie Pastor Rüter seinen Ruhestand in der Nähe von Göttingen verbringen will, weiß er noch nicht genau. Vielleicht könne er mit einem Freund aus Studientagen an alte Bandzeiten anknüpfen. „Ich lass das mal auf mich zukommen“, sagt er.
Thomas Schlenz